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Das Pferd, Dein Spiegel

Mal nachgedacht von Tanja Richter

 Ein Blogartikel von Tanja Richter Institut für Pferdephysio

Ganz schön blöd: jeden Monat 300, 500 oder 1.000 € für ein Huftier mit Mähne und Schweif…..wenn man das nicht in das Huftier stecken würde das Geld, könnte man alle 3 Monate für 1.000 € in ein schönes Hotel, oder eine Reise in die Berge oder Küste, oder ab dafür in ein schönes Land.

Fünfmal pro Woche zwei bis drei Stunden Lebenszeit (umziehen, hinfahren, tüdeln, reiten, nach Hause fahren, duschen – macht drei Stunden weg)……in dieser Zeit könnte man ein Studium betreiben (also ein anerkanntes Studium)….oder was sinnvolles Arbeiten…..ein kleine Neben-Existenz aufbauen, wie Töpfern, Gärtnern, Kinder hüten.

Dann kommen immer mal unvorhergesehene Nebenkosten wie Tierarzt, Reitkurse, Sattel, extra Futter, Reisen zu Pferde-Veranstaltungen… dann kommen unvorhergesehene Zeitschlucker, wie das Mitwirken an Veranstaltungen, Reitvereinstätigkeiten, Hilfe für andere am Pferd…

In Summe: ganz schön blöd. So manche Mitmenschen schütteln den Kopf, besonders auch in der Partnerschaft ist weitestgehend Unverständnis. Warum machen wir das? Ja, für dieses wundervolles Wesen…..mein Mann geht ja auch zum Sport….das ist halt mein Ausgleich……die Natur……echt in der Reithalle…in der Stallgasse?

Was treibt uns da an?

Ist es unser Stolz, unsere Sehnsucht nach Gesehen werden? Schaut her?!

Ist es der Sport, das tolle Gefühl im Galopp über Hindernisse zu fliegen? Zusammen mit einem Kameraden, der mir zuhört.

Ist es die Kontrolle? Ich kontrolliere Dich. Ich bestimme, was und wie Du was tust. Niemand verletzt mich. Ich steuere das Riesen-Tier nach meinen Wünschen.

Ist es die Sehnsucht nach starker Männlichkeit, nach einem starken Vater? Ein gewaltiges Pferd, das mich trägt wohin ich will. Ein gewaltiges Tier, welches mich schützt. Auf dem ich davonfliegen könnte. Niemand belangt mich, wenn ich bei diesem großen Wesen bin, welches mir zugeneigt ist.

Ist es unser Gefühl nichts wert zu sein? Schau, ich kümmere mich um Dich. Ich bin ein guter Mensch. Du, mein Pferd verstehst mich.

Ist es die Sehnsucht nach Umsorgen, nach Leben schaffen, weil es mit den eigenen Kindern nicht so geklappt hat? In der Umsorgung kann ich meine Bedürfnisse erfüllen.

Wie auch immer, diese Antriebe sind sooo mächtig, dass wir Geld und Zeit auf uns nehmen, uns ein Pferd zu kaufen. Ab dem Moment an haben wir die Verantwortung. Nicht nur moralisch, auch juristisch und tierschutzpflichtig. Jeden Monat Geld, jede Woche Zeit und das für die nächsten 25 Jahre. Puuh.

Na ja, und dann kommen die ersten Ressentements: das Pferd tut nicht, wie wir denken, eventuell kommt es zu Unfällen. Fehleinschätzungen sind an der Tagesordnung. Weil, was wir auch immer im Pferd sehen: das Pferd lebt in seiner Welt als Pferd. Und weil wir ja eventuell mit unserer Psyche gedanklich noch irgendwie in Konfliktschleifen festgenagelt sind, sind wir nicht in der Lage, die Realität zu erfassen, wie sie ist. Das gibt natürlich Reibungspunkte zwischen Pferd und Mensch, die in der Regel letztendlich vom Pferd bezahlt werden, mit Nicht-Umsorgen und Krankheit.

Mit meinen 60 Jahren bin ich nun schon 50 Jahre mit Pferden zusammen. Und damit auch mit Menschen, die rund um diese Pferde sind. Professionell am Pferd arbeite ich seit 30 Jahren und erlebe die Menschen als Kunden/Pferdebesitzer-innen. Professionell arbeite ich am Menschen seit 40 Jahren als Osteopathin.
Dabei fällt auf, dass bestimmte Menschen bestimmte Pferde-Probleme haben. Kommt das Pferd dann mal doch in andere Hände, sind diese Probleme des Pferdes weg. Bestimmte Menschen haben bei ihren Pferden stets die gleichen Probleme, bei dem einen Pferd früher zu sehen, bei dem anderen Pferd später zu sehen.

Jeder Profi, der mindestens 10 Jahre in der Pferdewelt arbeitet, kommt zu dem Schluß, dass Menschen mindestens 1 Jahr Vollzeit lernen müssten, dann eine Prüfung ablegen müssten, um sich erst dann mit diesem Nachweis, eine Art Pferde-Führerschein, ein Pferd zulegen dürfen. Nur auf diese Weise sind Unfälle auf beiden Seiten zu minimieren. Nur nach 1 Jahr Lehrzeit in Pferde-Wissen von erfahrenen Pferdemenschen vermittelt, kann das Pferd einigermaßen gesund alt werden.

Vermutlich aber ist das so nicht gewollt. Denn: 300.000 Menschen leben hauptberuflich von Pferden. Und zwar besonders von kranken Pferden. Wenn die Pferde gut gezüchtet, gut aufgezogen, pferdegerecht als Reittier trainiert werden und dann den Rest des Lebens in passenden Stall-Analgen untergebracht und fachgerecht gearbeitet würden, richtig gefüttert und dann im Alter angepasst umsorgt werden, dann werden „die Viecher“ ewig alt und bleiben gesund. Dann schaffst Du als Mensch maximal 3 Pferde in Deinem Leben. Die Pferde-Industrie wäre rückläufig, die Einnahmen dort schwänden….

Das System zur Erhaltung der Pferde-Industrie als Einnahme-Quelle ist meiner Meinung nach die Ursache von Nicht-Wissen und Falsch-Wissen. Denn blauäugige Mädchen mit Illusions-Vorstellungen, stolze Ich-bezogene-Charaktere kaufen, machen falsch, bereichern die Industrie. Und das Pferd? Bezahlt mit seiner Gesundheit und seinem Leben. Und wir Menschen? Blechen, verunfallen und opfern unsere Zeit.

Menschen wie ich, die dann nach Jahrzehnten Pferde-Erfahrung mit stetigem Suchen nach mehr Harmonie und Gesundheit von Pferd und Besitzer durch das System durchblicken, sind von dem sichtbaren Pferdeleid in der Umgebung so überwältigt, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, dies auszuhalten:

1. Weggucken. Kümmere Dich um Deines gut. Die eigenen aufkommenden Wut-Ohmacht-Gefühle beim Beobachten von Quälereien irgendwie verbeißen, irgendwie versuchen diese Gefühle ins Gebet abzugeben. …..oder

2. Lehren, Schulen, Wissen weiter geben. Das ist soo schwer. Denn die, die es unbedingt erfahren müssen, haben ihr Herz zu oder rennen Lobbyisten nach. Lassen sich von ihrem Gefühl leiten. Aber wenn dann doch jemand mit Verstand und offenem Herzen sich auf den Weg macht, das Pferd wirklich zu verstehen, dann macht es mich sooo glücklich. Über jede einzelne Seele, die sich in Pferde-Fachverstand schult. Danke!

Das Pferd – Dein Spiegel.

Auf dem Weg dahin zu mehr Wissen, mehr Harmonie, besserer Gesundheit, Genuß des Zusammenseins beim Ausreiten, auf dem Weg dahin, spiegelt Dich Dein Pferd. Die Schwierigkeiten mit Deinem Pferd, sind Deine Schwierigkeiten. Leicht zu erkennen, wenn Dein Pferd von Jugend an bei Dir war, Du es selbst aufgezogen und eingeritten hast. Dann spiegelt Dein Pferd komplett Dich und Deine Umgehensweise. Ist es lahm oder krank, trägst Du ganz allein die Verantwortung. Und: nein, es ist nicht der Stall allein. Wenn Du erkennst, dass diese Umgebung schlecht ist für Dein Pferd, dann geh. Wenn Du bleibst und Dein Pferd krank wird oder krank bleibt, dann ist es noch immer Deine Verantwortung.

Wenn Du ein gebrauchtes Pferd erworben hast, aus schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, es brutal eingeritten wurde, es fordernde oder lasche oder blind-taube Vorbesitzer hatte, dann färbt die Vorgeschichte leider auch ab, die nie ganz auszumerzen ist.
Und dann hat Dein Pferd auch noch einen angeborenen Charakter, das „Interieur“. Rasse bedingt, Geschlechts bedingt, Alters bedingt, Futter bedingt, Haltungsform bedingt, Herde bedingt, welches ebenso maßgeblich auf die Zusammenarbeit mit Dir einwirkt.

Nur mit Wissen kannst Du die Rahmenbedingungen optimieren, damit die Zusammenarbeit harmonischer wird. Jedes Mal wirst Du herausgefordert. Es bringt Dich an Grenzen. Verzweiflung führt zu Tränen. Suche das Gespräch, frage Sachkundige, bild Dir Deine Meinung, fühle in Dein Pferd. Und: frage Dich, was hat das jetzt mit mir zu tun? Was soll ich da lernen? Demut? Geduld? Liebe? Oder gar Durchsetzungsvermögen? Fachwissen? Nachgeben? Überlegen?

Mit liebendem Herz, mit unbedingten Wollen gelingt Dir die Lösung des aktuellen Problems. Die Belohnung: Deine innere Stärke und Dein gesundes Dir zugewandtes Pferd. Wieder ein Stück mehr Harmonie, wieder ein Stück mehr innere Größe.

Vielleicht ist es das, warum wir in Anbetracht aller Beklopptheit ein Pferd besitzen: Das Lernen, Reifen, Wachsen – was zu einem großen Lächeln führt.

Diese Belohnung des Reifens wird uns aber erst geschenkt, wenn wir das Pferd als unseren Spiegel betrachten. Ein Spiegel der uns Aufgaben liefert, die nach Lösen uns mehr Lebensglück schenkt.

Damals sind die Pferde für uns in den Krieg gezogen. Im Grunde genommen, machen sie es noch heute: wir ziehen mit unseren Pferden in eine Art inneren Krieg. Und auch dort bezahlen sie oft mit Verwundungen und sogar mit ihrem Leben. Wenn wir aber unsere innere Schlacht gut meistern, geschickt herauskommen, sind wir erfahren, gestärkt und ausgezeichnet. Viel besser gewappnet für das was kommt.

Beide, Pferd und Mensch.

Ich wünsche Dir diesen Erfolg für Dich und Dein Pferd!
Alles Liebe, Gottes Segen, Tanja Richter

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