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Der freie Hals des Pferdes bei der Arbeit

Der natürliche Weg zu Gesundheit und Tragfähigkeit

 Ein Blogartikel von Tanja Richter Institut für Pferdephysio

Freie Halshaltung – die Basis für biomechanisch gesundes Reiten.

Der Anfang jeder gesunden Bewegung

Der freie Hals ist weit mehr als nur ein Zeichen von Losgelassenheit – er ist die Grundlage für Tragkraft, Koordination und nachhaltige Gesundheit.
Richtig genutzt, hilft er bei:

Die Basis jeder gesunden Arbeit beginnt im fleißigen Schritt, geradeaus, mit freiem Hals.

Der freie Halspendel im fleißigen Schritt geradeaus heilt die Vorhand

Missverständnisse rund um die Halshaltung

Diese Aussage bringt mir oft skeptische Augen ein. Es wird etwas mit „Hals runter“, „Hals gebogen“, „Abkauen“, manipulativem Einwirken auf den Brustkorb, erzwungenem Untertreten oder Ähnlichem erwartet. Aber überlegt mal: Es kann nichts von etwas besser werden, durch das es verursacht wurde.

Kampf auf Krampf macht krank. (Siehe Kurzvideo „Die Muskelverspannungen“)

Steckenpferd-Hälse –    verkrampfte steife Muskeln klemmen Nerven

Schau dir die modernen Reitpferde an: Die Hälse sehen aus, als wären sie wie bei einem Steckenpferd aufgesetzt – dünn, steif. Die eckigen Schultern, die eingedrückte Sattellage, die Lahmheiten vorne – da läuft doch etwas verkehrt.

Glaube mir, ich bin seit 50 Jahren mit Pferden zusammen, aber diese Steckenpferd-Hälse sind ein Phänomen der letzten Jahre. Erschreckend war die Durchsicht der Abschlussarbeiten meiner Klasse in Manueller Therapie: hervorragende Arbeiten, aber viele schwere Halswirbelsäulen-Fälle mit Lähmungen, alle durch digitales Röntgen bestätigt.​

Nein, das ist nicht angeboren. Die EVMS ist zwar in vielen Fällen vorhanden, fällt aber nicht ins Gewicht, wenn das Pferd so geritten würde, wie es vor 100 Jahren geritten worden wäre.

Was die moderne Nutzung mit dem Hals macht

Es gibt kaum noch ein Pferd, das sich in Gegenwart des Menschen einfach als Pferd bewegen darf. Ständig wird auf die Halshaltung Einfluss genommen. Das Pferd muss so oder so oder so tun – erst dann ist der Mensch zufrieden.​

Hat die Natur das Pferd wirklich so unvollständig erschaffen, dass wir es bei jedem Tritt irgendwohin manipulieren müssen? Hat man früher, zu Militärzeiten, die Pferdehälse in bestimmte Stellungen zwingen müssen, bevor man aufsaß? Hat man bei der Arbeit als Botenpferd, Wagenpferd, auf dem Feld oder gar in der Schlacht zuerst auf die Halshaltung geachtet?​

Die Pferde von damals waren doch leistungsfähiger als heute. Schau dir alte Filme an und sieh, wie damals geritten wurde – niemand zog zuerst am Zügel, bevor angetrabt wurde.

Ich erkläre dir, warum die natürliche Halshaltung des Pferdes so wichtig ist (siehe Video „Funktionsbereiche verstehen – HWS“)

Die Anatomie hinter dem freien Hals

Nein, nicht immer die ganze Zeit am langen Zügel. Der lange Zügel ist die Basis: Pause, Belohnung, Aufwärmen, Ausreiten – eben die Grundlage. Die anderen Halsstellungen ergeben sich während des Rittes durch die Aufgaben ganz von selbst. Die Halsstellungen wechseln von lang nach kurz, nach links, nach rechts, im Trab, im Galopp, über dem Graben.

Die langen Halsmuskeln fächern den Widerrist auf und stabilisieren so die Wirbelsäule.

Um die Heilwirkung der natürlichen Halshaltung zu verstehen, tauchen wir in die Anatomie ein:

  • Die langen Halsmuskeln Splenius und Semispinalis ziehen vom Kopf zum Widerrist. Vom Widerrist aus wird der Kopf angehoben, vom Kopf aus wird der Widerrist aufgefächert. Beim Grasen ist das gut zu sehen: Das Absenken des Kopfes beim Abzupfen der Gräser fächert Widerrist und Rücken auf.​
  • Überlassen wir dem Pferd bei Bodenarbeit und Reiten seine Halshaltung – am besten ohne Gebisseinwirkung –, fächert sich der Widerrist auf. Die Wirbelbänder werden gestrafft, stabilisieren die Wirbelbrücke, über die langen Dornfortsätze wird der Hebel auf die ersten Rippen und das Brustbein übertragen. Es entsteht ein Hebeldruck in die Wirbelkörperreihe hinein, der den Rücken stabilisiert.​
  • Die Rückenmuskeln müssen nicht mehr stabilisieren, können loslassen. Jetzt können die Brustmuskeln den Rücken leicht aufwölben. Dieses Aufwölben des Brustkorbs ist notwendig für alle geschmeidigen Bewegungen des Pferdes und das pferdeschonende Tragen des Reiters (siehe Video-Lehrgang „Tragesystem“)

Der Halspendel und die Vordergliedmaße

Der sich selbst überlassene Hals im fleißigen Schritt geradeaus ermöglicht den natürlichen Halspendel und die Nickbewegung des Pferdes. Schwingt der Hals nach rechts, wird die Kraft auf das gleichseitige Vorderbein übertragen. Dessen Stabilisationsmomente mit Anheben des Brustkorbs werden reflexartig aktiviert (über M. serratus ant. und M. pectoralis prof.).

Der freie Halspendel ermöglicht eine Aufwärtsbewegung des Brustkorbes während der Abdrückphase des Standbeines (hier links), und eine freie Schulter bei der Vorführphase (hier rechts).

Die gegenüberliegende linke Schulter wird durch herüber pendelnden Hals kurz angedehnt, über das Widerrist-Schulterband (Faszie spino-costo-transversalis) wird der Rhomboideus und Trapezius thoracis reflexartig angeregt, die das gesamte linke Vorderbein anheben, welches nun locker nach vorne geschwungen werden kann (siehe Fachvideo „Die Faszien“). Die freie Nickbewegung ist die Voraussetzung für einen geschmeidigen Gang (siehe Lehr-Videos „Muskeln der Vordergliedmaße“).

Wird die freie, natürliche pendelnde Nickbewegung des Halses durch Zügeleinwirkung unterbunden, haben es die Vorderbeine schwer, die Geschmeidigkeit zu erhalten. Sie bekommen mit steifem Hals Schwierigkeiten, den Brustkorb auf dem jeweiligen Stützbein anzuheben, das Hangbein kann schlechter vom Boden gelöst werden. Es folgen Probleme an Fessel und Schulter.

Der festgestellte Hals ist nur dann ohne Schaden zu ertragen, wenn das Pferd gelernt hat, die Aufwölbung zwischen den Schulterblättern zu entwickeln – gelernt in Koordination, geübt in Kraft. Dann kann es sich für einige Minuten selbst tragen, ohne Hilfe des Halses.

Der festgestellte Hals behindert die Abdrück-Aktivität und das freie Vorschwingen der Vorderbeine. Mit der Zeit kommt es zu Lahmheits-Erkrankungen.

Was Zügeleinwirkung mit Nackenstreckern und Brustkorb macht

Die Verkürzung des Halses durch Zügeleinwirkung schaltet die Funktion der Nackenstrecker weitgehend aus: Der Widerrist kann nicht mehr – oder nur sehr schwer – aufgefächert werden. Trainierte Pferde und Hengste können bei verkürztem Hals die Muskelfasern der Nackenmuskeln noch aus der Mitte des Halses heraus verkürzen und damit den Widerrist auffächern, aber das ist sehr anstrengend und nur wenige Minuten lang möglich (siehe Lehr-Videos „Halsmuskeln“).​

Fällt die Stabilisation des Brustkorbs über die Auffächerung am Widerrist weg und hat das Pferd nicht gelernt, den Brustkorb von der Brust aus aufzuwölben, müssen die Rückenmuskeln die Wirbelbrücke so gut es geht verzurren. Sie arbeiten dann in massiver Verkürzungs-Anspannung, können nicht loslassen. Die Brustmuskeln können den Brustkorb nicht mehr aufwölben, geraten in einen Dauerkrampfzustand: Sie wollen halten, können sich aber nicht wirklich verkürzen (siehe Video-Lehrgang „Tragesystem“).

Versammlung – wie lange ist gesund?

Die betonte Aufrichtung mit verkürztem Hals in der Versammlung kann das Pferd durchaus 1–2 Minuten halten. Hat es gelernt, seine Brust- und Bauchmuskeln betont anzuspannen, um den Brustkorb zu stabilisieren, kann es auch einmal ohne verlängerten Hals den Reiter tragen – es ist nur deutlich schwerer.

Einfache Trainingsstruktur für einen freien Hals

Wenn dein Pferd lange gesund bleiben soll, dann lasse immer wieder die Zügel lang und reite geradeaus im fleißigen Schritt. So kann es dich besser tragen. Überlasse deinem Pferd, wie es seinen Hals tragen will. Höre nicht auf die Leute am Rand, schaue nicht auf die Profi-Reiter – deren Pferde werden oft nicht alt.

Bei einem verkürztem Hals können die Nackenstrecker den Widerrist nicht mehr auffächern. Die Halswirbel werden zusammen geschoben. Mehr Muskeln müssen fest anspannen, um den Brustkorb zu stabilisieren.

Eine Empfehlung für deine Arbeitseinheit:

  • erste 10 Minuten: Schritt, geradeaus, freier Hals
  • dann Arbeit, Zügel aufnehmen
  • alle 2 Minuten die Halsstellung wechseln: Handwechsel, Volten, Schlangenlinien, Seitengänge links und rechts
  • antraben: mal lang, dann wieder kurz
  • immer wieder angaloppieren
  • die Arbeitseinheit abwechslungsreich gestalten, alle Hufschlagfiguren nutzen
  • am Ende wieder 10 Minuten Schritt, geradeaus, mit freier Halshaltung

So bleibt dein Pferd lange gesund (siehe Lehr-Videos zum Pferdetraining „Sensomotorik“).

Wie soll Dein Pferd im Alter aussehen? Der Warmblüter musste wegen Dauerlahmheit eingeschläfert werden, der Araber wurde die letzten 10 Jahre am Halfter geritten, hoch ausgebildet, viele Ausritte

Dank an dich und dein Pferd

Danke, dass du diesem Artikel gefolgt bist. Danke, dass du auf der Suche nach Antworten für dein Pferd bist. Danke, dass du dich bemühst, besser und besser zu werden.​

Alles Liebe für dich und dein Pferd!
Tanja Richter

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